Reise durch die Geschichte der Homosexualität

Beitrag teilen ?

Der Februar ist traditionell der „Queer History Month“. Entstanden im Jahr 2005 inEngland, soll ein Monat lang auf die Lebenswirklichkeit queerer Menschen aufmerksam gemacht werden.

Bis in das späte 19. Jahrhundert hinein war der Begriff Homosexualität unbekannt. Die Begriffe schwul oder gay sind auch sehr junge Ausdrücke und kamen erst in der Mitte des 20. Jahrhundert auf. Aber was war weit, weit davor los auf der Welt?

Wir nehmen Euch mit auf eine geschichtliche Weltreise durch die Zeit.

Wir starten im Jahr 2200 vor Christus in Ägypten. Wie gingen die alten Ägypter mit dem Thema Homosexualität um? Es gibt nur vereinzelte Hinweise in altägyptischen Quellen, zwei davon haben wir für Euch ausgegraben.

In der 5. Dynastie, wurde das Grab von Chnumhotep und Nianchchnum fertiggestellt. Archäologen sind sich sicher, dass die beiden Männer im Grab ein Liebespaar gewesen waren. Im Grab befinden sich einige Wandmalereien, die sie in inniger Umarmung zeigen. Das Bild der Beiden mit sich berührenden Nasen, lässt auf eine besonders innige Zuneigung schließen, da diese Darstellung in der damaligen Kunst größtmögliche Nähe symbolisierte. An einer Türöffnung im Inneren der Grabstätte sind die beiden Namen in einer verbundenen Schreibweise dargestellt, die sich zusammen gelesen als „Verbunden im Leben und im Frieden“ interpretieren lässt.

Die Beziehung des Pharao Nefer-ka-Ra mit seinem General Sasenet wird von drei Textzeugen überliefert. Auf einer Holztafel aus der 18. oder 19. Dynastie steht geschrieben: In der Nacht verlässt der König allein seinen Palast. Er sucht heimlich das Haus seines Generals Sasenet auf. König und General verbringen gemeinsam vier Stunden innig. Nachdem der König mit seinem Geliebten getan hatte, was er wünschte, begab sich der König wieder in seinem Palast. Das ganze Geschehen wiederholte sich nun jede Nacht. An dieser Stelle bricht der Text ab, das Ende der Erzählung ist leider nicht erhalten.

Nun werfen wir einen Blick in die Antike und ins Römische Reich.

In der Stadt Alt-Thera auf der Insel Santorin hinterließen die Bewohner sehr eindeutige Inschriften an einer Steinwand, in denen sie den Geschlechtsverkehr mit Männern beschreiben.

Auf Kreta wurden von dorischen Aristokraten Regeln aufgestellt, für formelle Beziehungen zwischen erwachsenen Prinzen und männlichen Erwachsenen. Die Zielsetzung war einerseits, stetig die Jugend zu erziehen und andererseits, das Bevölkerungswachstum zu reduzieren.

Nach dem Tode Alexander des Großen veränderten sich allerdings die geschlechterhistorischen Verhältnisse mit Blick auf gleichgeschlechtliche Intimbeziehungen. Homosexuelle Beziehungen zwischen Partnern gleicher Stellung und gleichen Alters wurden innerhalb der unter athenischem Einfluss stehenden griechischen Poliswelt anscheinend als nicht wünschenswert eingestuft, aber zumindest tolerieren zur männlichen Homosexualität im Römischen Reich und im antiken Rom sind mehr als reichhaltig vorhanden. Es gibt unzählige literarische Werke, Gedichte und Bemerkungen zu den sexuellen Vorlieben von einzelnen Kaisern und Adeligen. Bildliche Darstellungen sind im Vergleich zum klassischen Griechenland dagegen seltener. Die Haltung zur Homosexualität wandelte sich öfters im Laufe der Zeit und von Kontext zu Kontext. Sie war sicherlich auch von den kulturellen Gegebenheiten der jeweiligen Provinzen vorgegeben.

Die Gedichte des römischen Dichters Catull sprechen für sich. Er thematisierte hier seine Gefühle zu Männern. Er verfasste in Rom acht erotische Gedichte, dieseinem jungen Geliebten Luventius gewidmet waren.

Wir haben das Jahr null überschritten und befinden uns jetzt in der Zeitrechnung „nach Christus“.

Langsam teilen sich die Ansichten zur gleichgeschlechtlichen Sexualität. Ein Teil der Kontinente toleriert und ein anderer Teil fängt andie gleichgeschlechtliche Sexualität zu verbieten. Es werden aber nicht gleichgeschlechtliche Beziehung verboten, sondern die männliche Prostitution. Die Söhne des Kaisers Konstantins, Constans und Constantius II. veranlassen ein Gesetz, das von Historikern als Verbot der männlichen Prostitution, interpretiert wird. Auch Kaiser Theodosius I. erlässt ein Gesetz gegen die Verbreitung der Feminisierung unter Männern, die mit einer öffentlichen Verbrennung bestraft wird; das Gesetz scheint überwiegend auf männliche Prostituierte Anwendung zufinden.

Fast zur gleichen Zeit wird im Hinduismus ein Buch verfasst, es gehört mittlerweile zur indischen Tradition. Es ist das Lehrwerk über die Erotik (Kamashastra) auch Kamasutra (Verse des Verlangens) genannt. 300 n. Chr. werden hier neben dem dritten Geschlecht, verschiedenen Typen Homosexueller, Transgender, Transvestiten auch die lesbische Liebe beschrieben. Auch heute noch wird Menschen des Dritten Geschlechts in Indien eine grundlegende Nähe zu künstlerischen und spirituellen Tätigkeiten nachgesagt. In diesem Sinne werden sie als „halbheilig“ betrachtet und man sagt, dass ihre Segnungen wirksame Kraft besitzen, genauso wie ihre Flüche. Sie sind deshalb auch immer noch gern gesehene Gäste bei feierlichen Anlässen, wo sie singen und ihre Segnungen aussprechen.

Im China in der westlichen Jin-Dynastie ist es ganz selbstverständlich, homoerotische Beziehungen neben der einzigen heterosexuellen Beziehung zuführen.

Nun machen wir einen großen Sprung aus dem Altertum ins Mittelalter, wir landen im Jahr 1300. Die Zeit davor und auch danach ist eine Zeit voller Kriege, Verbote und Ermordungen. Egal welcher König oder Kaiser an der Macht ist, jeder möchte auf blutige Weise seine Gesetze durchsetzen und schreckt vor keinem Massaker zurück.

Bestes Beispiel ist König Philipp IV, auch genannt der Schöne. Sein Beiname ist zeitgenössisch und bezieht sich auf sein Aussehen, welches dem Ritterideal seiner Zeit entsprochen haben soll. Er etablierte Frankreich als Großmacht in Europa und errichtete mit einer kompromisslosen Autorität ein modernes frühabsolutistisches Staatswesen, welches der mittelalterlichen französischen Monarchie eine bis dahin nie gekannte Machtentfaltung ermöglichte. Besondere Bedeutung besitzt seine Regentschaft wegen der Überführung des Papsttums nach Avignon. Philipp nahm den Papst als neues Instrument zur Durchsetzung seiner Interessen. Er ordnete die Zerschlagung des Templerordens an. Er ließ alle Templer wegen Ausübung von Homosexualität verhaften und zum Tode verurteilen. Grund für diesen Entschluss war die angespannte Haushaltslage des Königs. Der Templerorden kontrollierte die gesamten Bankgeschäfte der Krone und war dabei nur dem Papst zur Rechenschaft verpflichtet. Seine Unabhängigkeit gegenüber dem König hatte der Orden mehrfach bewiesen, indem er mehrere Revolten der Pariser Bevölkerung gegen die andauernden Münzverschlechterungen des Königs unterstützt hatte. Sofort nach Zerschlagung des Ordens, vereinnahmte Philipp das komplette Vermögen der Templer in seinen Staatsschatz.

Wir wenden uns dem Rokoko zu, eine ausschweifende Zeit. Die Kleidermode, ähnlich wie die Architektur dieser Epoche, gilt als Fortführung des Barock. Hauptausgangspunkt der Modeentwicklung war der französische Königshof in Versailles.

In Frankreich verfasste Voltaire einen Artikel über die „Liebe nach Art des Sokrates“, samt einer Liste historischer der homoerotischen Liebe zugewandter Personen. Der Schlusssatz lautet: Schließlich glaube ich nicht, dass es jemals irgendeine gesittete Nation gab. Damit setzte sich der Philosoph der Aufklärung für die Abschaffung der Strafgesetze gegen Homosexualität ein. 1783 ist Friar Pascal der letzte Franzose, der wegen Homosexualität verbrannt wird. Nur ein Jahr später 1784 nimmt Prinz Heinrich von Preußen in Paris 130.000 Taler Kredit auf, um die Schulden seines Geliebten, des Offiziers Christian Ludwig von Kaphengst zu tilgen. Für ihn bürgt König Ludwig XVI. von Frankreich persönlich.

Ein paar Jahre danach beginnen einzelne Staaten darüber nachzudenken Homosexualität nicht mehr unter Strafe zu stellen. Ein großer Meilenstein in der Homosexuellenbewegung. 1795 sind Belgien und Luxemburg die ersten Staaten die gleichgeschlechtlichen Handlungen per Gesetz entkriminalisieren. Es sollen noch viele weiter folgen.

Und in Deutschland, was tut sich um diese Zeit in Deutschland? 1791 erscheint in Deutschland im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde ein Artikel, der als erster Versuch einer wissenschaftlichen Annäherung an die männliche Homosexualität gilt.

Kennzeichnend für das 19. Jahrhundert war ein globaler Wandel, den es in diesem Umfang, dieser Tiefe und dieser Dynamik in keiner historischen Periode zuvor gegeben hatte. Dieser Wandel wird auch als Beginn der Moderne bezeichnet.

Im Jahr 1810 ist der „White Swan“ in der Vere Street in London die erste Schwulenbar. Der „Weiße Schwan“ wird zu dieser Zeit von einer Vielzahl von Männern besucht. Zeitzeugen beschreiben die meisten von ihnen als weibisch, mit Ausnahmen wie „Fanny, einem athletischen Flussschiffer“ und „Lucy, einem herkulischen Kohlenträger“. Zur gleichen Zeit tritt in Frankreich der Code penal in Kraft. Dieses Gesetz entkriminalisiert gleichgeschlechtliche Handlungen und diese sind nicht mehr strafbar. In den darauffolgenden Jahren folgen viele Staaten, z.B. Niederlande (1811), Spanien (1822), Brasilien (1830) und sogar das Osmanische Reich (1858). Im Jahr 1813 stellt Bayern, dank der Unterstützung des Juristen Anselm von Feuerbach in Anlehnung an den Code Civil sexuelle Handlungen zwischen Männern straffrei. Preußen geht genau in die andere Richtung. 1851 verfasst Preußen den Vorläufer zum späteren Paragraf 175. Dieser Vorläufer stellt die sexuellen Mann-Mann-Handlungen unter Strafe. Obwohl weniger streng gefasst als der spätere Paragraf, läuft er dem allgemeinendeutschen Trend, die gleichgeschlechtliche Sexualität zu entkriminalisieren, entgegen.

Am 6. Mai 1868 taucht der Begriff Homosexualität erstmals in einem Brief von Karl-Maria Kertbeny an Karl Heinrich Ulrichs auf. In einem weiteren offiziellen Brief an den preußischen Justizminister verwendet Karoly Maria Kertbeny dasWort „homosexuell“ erstmals in einem öffentlichen Forum.

Am 13. Januar 1898 debattiert der deutsche Reichstag über eine Petition zurAufhebung des Paragrafen 175. Unterstützt wird diese Petition aber nur von einer politischen Partei im Reichstag, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands(die spätere SPD). Leider scheitert der Reformversuch kläglich.

Wir kommen im 20. Jahrhundert an und damit endet auch unsere geschichtliche Zeitreise. Wieder ein Jahrhundert voller Kriege und Zerstörung. Aber auch mit Mut zu Veränderung und Weiterentwicklung.

Für Lesben und Schwulen begann eine kurze Zeit der Verbesserung. Es war zwar ein dauerndes Auf und Ab, je nach den politischen Verhältnissen, aber durch die Etablierung grundlegender demokratischer Rechte und den Wegfall der Zensur kam es zu einem Auftrieb. In Berlin gab es schon zwei Stadtviertel, wo sich lesbisch-schwules Leben etabliert hat. Nordwestlich vom Alexanderplatz bis zur Friedrichstraße und südöstlich der Friedrichstraße im nördlichen Kreuzberg. Ab den 1920ern entwickelte sich dann ein dritter Schwerpunkt im Neuen Westen, dem nördlichen Schöneberg. Rund um den Nollendorfplatz zwischen Kurfürstendamm und Bülowstraße entwickelte sich eine besonders lebendige und freie Szene. Es gab zahlreiche Bars und Kneipen, Berlin wurde international zum Anziehungspunkt für Homosexuelle, die vor der Verfolgung im eigenen Land flüchteten. In dieser Zeit organisierten sich bereits viele Homosexuelle, um gegen den Paragraf 175 zu kämpfen.

Spätestens 1933 war die Zeit der Verbesserung vorbei und die dunkle Zeit in Europa und der ganzen Welt begann.

Es gibt natürlich noch viel mehr historische Belege für Homosexualität, die wir hier gar nicht alle ausführlich vorstellen können. Aber schaut euch gerne die komplette Zeitachse an, die noch ein paar Ereignisse mehr enthält.

Andreas Sigl-März

Andreas Sigl-März

20. Februar 2022

weitere Beiträge

CSD Ingolstadt 2022

Am 17.09.2022 war das Wetter nicht perfekt für den vierten Christopher Street Day in Ingolstadt. Aber gemäß dem Motto, es

weiterlesen »

Queeres Netzwerk Bayern

Gestern startete in der Kranhalle in München die Große Netzwerktour des neugegründeten Kooperationsprojektes Queeres Netzwerk Bayern. Luca und Norbert von

weiterlesen »