Tarnóws Queer-Aktivist*innen bitten um Unterstützung – Landkreis darf nicht wegschauen

Aktualisiert: Okt 8

Queer-Aktivist*innen aus Pfaffenhofen und Tarnów vernetzen sich










Wie bereits im Pfaffenhofener Kurier am 12.06.2020 vorab berichtet (link) fand am gestrigen Abend (12.06.) unsere erste Videokonferenz mit Aktivistinnen der LGBT+ Community Tarnów (Polen) statt. Basierend auf einer Nachricht des Donaukurier vom 09.06.2020 in dem die Deklaration des Landkreises Tarnów, der Partnerlandkreis des Kreises Pfaffenhofen ist, als „LGBT-Ideologie“ freie Zone explizit thematisiert und kritisch hinterfragt wurde, hat Claudia Hander als Mitglied des Netzwerkes Queer-Pfaffenhofen, Kontakt mit der LGBT+ Community in Tarnów aufgenommen, Basierend auf diesem Kontakt, haben Claudia Hander (QP), Norbert März (QP), SPD-Kreisvorsitzender und Kreistagsmitglied Markus Käser, Marta Schmidt aus Pörnbach, die als Dolmetscherin unterstützt hat, und die Aktivistinnen Monika Bujak, Grȩta Pękała und Zuzanna Iwaniec von Tęczowy Tarnów (Regenbogen Tarnów) eine Video-Meeting organisiert. „In dieser Videokonferenz konnten wir aus erster Hand erfahren, was es bedeutet, in einer „LGBT+ freien“ Zone zu leben und zu agieren und wie es das tägliche Leben der Community beeinflusst, die notgedrungen nun in einer Grauzone agieren muss. Während dem Tarnów als Stadt sich nicht der Deklaration angeschlossen hat, hat dennoch der Landkreis Tarnów sich explizit der Deklaration angeschlossen. Obgleich die Deklarationen als LGBT+ Ideologie freie Zonen in Polen keinen Gesetzescharakter hat, führt sie dennoch zu einer massiven Stigmatisierung von Menschen, die in der Öffentlichkeit, staatlich gefördert und unterstützt, als „krankhaft“, abartig und Menschen zweiter Klasse dargestellt werden. Die wird auch unterstrichen durch eine extrem hohe Rate von Selbstmordgefährdungen unter den jüngeren Mitgliedern der LGBT+ Community in Polen“ so Norbert März von Queer-Pfaffenhofen. Claudia Hander ist schockiert: „Ein Alarmzeichen und für uns schockierend, welche Polemik und Wortwahl hierbei von Offiziellen in Polen verwendet wird, die rechtsradikale, wenn nicht faschistische Tendenzen erkennen lassen. Wir hier in Deutschland haben auf Gesetzesebene eine Gleichstellung der LGBT+ Community erreicht, auch wenn das noch nicht in allen Köpfen angekommen ist, jedoch fühlten wir uns bei den Darstellungen von Tęczowy  Tarnów teilweise in dunkle Zeiten der 60er und 70er Jahre zurück versetzt, die offensichtlich in einem unserer Nachbarländer und Mitglied der Europäischen Union noch allgegenwärtig sind.“ Überraschend für die Pfaffenhofener Teilnehmer teilten die Aktivistinnen aus dem Kreis Tarnów außerdem mit, dass sie sich bereits Anfang März hilfesuchend und offiziell an den Landkreis Pfaffenhofen gewendet hatten, um auf die Situation in Tarnów aufmerksam zu machen. Kreisrat Markus Käser ist empört über die mutmaßliche Missachtung des Kreistages: „Dieses Schreiben von Anfang März und wurde dem Kreistag wohl unterschlagen!“ Für mich ein weiterer Grund das Thema nun ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen. Wir dürfen nicht wegschauen! Was in Tarnów passiert ist nationalistisch und nah an den Methoden der Nazis zur Verfolgung von Homosexuellen. 70 Prozent von Lesben und Schwulen in Polen gaben an, dass sie wegen ihrer sexuellen Orientierung verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt waren.  Etwa gleich hoch ist der Prozentsatz von LGBT-Jugendlichen, die Selbstmordgedanken hatten.  Mit einem Schreiben an den Landrat des Kreises Tarnów ist es nicht getan. Ich empfehle dem Kreistag die bestehende Partnerschaft ultimativ zu stoppen, solange derart diskriminierende Verhältnisse vorherrschen. Der Beschluss des Kreistages ist nicht vertretbar mit dem verbindenden Geist einer Landkreis-Partnerschaft“, so Kreisrat Markus Käser. Der Kopie der Nachricht liegt dem Pfaffenhofener Queer-Netzwerk mittlerweile vor und wird hiermit in vollem Wortlaut veröffentlicht: (übersetzt aus dem Englischen)

Od: Tęczowy Tarnów <Tarnówteczowy@gmail.com> Date: pon., 2 mar 2020 o 18:49 Subject: District of Tarnów declared itself as „LGBT-free zone“ To: poststelle@landratsamt-paf.de „Tęczowy Tarnów“ ist eine Organisation, die unsere lokale LGBT+-Gemeinschaft unterstützt. Seit über einem Jahr verabschieden die Gouverneure der Gemeinden, Kreise und Woiwodschaften in Polen Resolutionen „gegen die LGBT-Ideologie“ und verletzen damit die Grundwerte der europäischen Gemeinschaft sowie die Grundsätze der polnischen Verfassung. Der Bezirk Tarnów, mit dem Sie eine Partnerschaft haben, ist eine dieser Regionen. Die staatlichen Behörden vergessen, dass sie verpflichtet sind, innerhalb der Grenzen des geltenden Rechts zu handeln und die unveräußerliche Menschenwürde, die Menschenrechte und die Gleichberechtigung zu schützen. In offiziellen Dokumenten verwenden lokale Regierungsbeamte eine entmenschlichende Sprache, wenn sie über LGBT schreiben, und bezeichnen sie als „Pathologien“, „Homopropaganda“, „gefährliche Ideologie“ und „eine Bedrohung für die traditionelle Familie und Kinder“. Das Europäische Parlament verabschiedete am 18. Dezember 2019 eine Entschließung, in der es homophobe Entschließungen der Kommunalverwaltungen verurteilte und die polnischen Behörden aufforderte, ihre schädlichen Dokumente unverzüglich aufzuheben. Auch die Europäische Kommission verurteilte die Resolutionen am 4. Februar 2020 aufs Schärfste. Wir glauben, dass internationaler Druck sinnvoll ist, weshalb wir die Staaten ermutigen, ihre Zusammenarbeit mit den Gemeinden, Städten und Woiwodschaften, die für die LGBT-Gemeinschaft schädlich sind, zu überdenken.  Saint-Jean de Braye, die französische Gemeinde, die eine Partnerschaft mit Tuchów (Małopolskie Woiwodschaft) eingegangen ist, die eine Anti-LGBT-Resolution verabschiedet hat, war die erste, die sich zum Abbruch der Partnerschaft entschloss. Martin-Chabbert, Berater des Bürgermeisters von Saint-Jean de Braye, betonte, dass die Gemeinde nicht zulassen dürfe, dass die Menschenrechte vernachlässigt werden, und verwies auf die Verfolgung von Homosexuellen durch Nazideutschland. Die Einrichtung von „LGBT-freien Zonen“ ähnelt in gefährlicher Weise der Vernichtungsrhetorik des letzten Jahrhunderts und beeinträchtigt im Alltag das Sicherheitsniveau der in Polen lebenden nicht-heteronormativen und transgender Menschen. Lassen wir nicht zu, dass Hassreden zur Norm werden, reagieren wir!

Als Verfechter demokratischer Standards in Polen erwarten wir Ihre eindeutige Reaktion (Einstellung oder Aussetzung der Zusammenarbeit bis zur Rücknahme der Resolution), wobei wir den Bürgern beider Länder die Möglichkeit zur Zusammenarbeit offen lassen, wenn diese ohne Beteiligung der polnischen Behörden fortgesetzt werden kann.


Mit freundlichen Grüßen, Monika Bujak Greta Pękała Zuzanna Iwaniec


Claudia Hander und Norbert März äußern sich enttäuscht über die Kenntnis, dass dieses Schreiben wohl nie das politische Gremium erreicht hat: „Unserer Kenntnis nach blieb dieses Schreiben vom damaligen Landrat oder Landratsamt unbeantwortet und wir sehen hier unbedingten Handlungsbedarf, dass sich der Kreistag explizit kritisch mit dem Sinn einer Landkreispartnerschaft mit dem Landkreis Tarnów unter den gegebenen Umständen und durch die, von der polnischen Seite geschaffenen Fakten der Einschränkung von Gleichberechtigung und freier Persönlichkeitsentfaltung, auseinandersetzt. Queer-Pfaffenhofen und Tęczowy  Tarnów haben innerhalb der Videokonferenz engere Zusammenarbeit vereinbart, die engen Austausch wie auch gegenseitige Besuche beinhaltet, einerseits um unsere polnischen Freunde an unserem Community- und weltoffenen Kreisleben teilhaben zu lassen, anderseits wollen wir auch in Tarnów tatkräftig unterstützen um die dort vorherrschenden Stigmata, auch auf offizieller Ebene, abzubauen. Der von Markus Käser eingebrachte Vorschlag, nach Aufhebung der gegenwärtigen Reisbeschränkungen, direkt beim Pfaffenhofener Kreistag vorstellig zu werden, wurde von allen Beteiligten begrüßt und wird weiterverfolgt werden.“





4 Ansichten
Wenn Du immer auf dem Laufenden bleiben möchtest, dann unterzeichne hier für unseren Newsletter: