Elisabeth bittet zum Gespräch

Aktualisiert: Nov 17


Der bekannte Travestiekünstler Elisabeth aus Pfaffenhofen spricht mit interessanten Leuten über alles, was bewegt. Also seid gespannt, wen Elisabeth alles als Gast auf ihrer Couch sitzen hat. (Leider in der Corona Zeit nur virtuell).

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„Ich möchte hier mit interessanten Menschen ins Gespräch kommen. Aber

nicht nur aus Pfaffenhofen, sondern wenn ich die Möglichkeit habe aus ganz Deutschland.“



Als erste Gesprächspartnerin habe ich mir heute Frau Dr. Karin Falkenberg aus Nürnberg ausgesucht.

Liebe Frau Dr. Falkenberg, wir sind seit einigen Jahren sehr gut befreundet. Deshalb sagen wir „Du“ auch in diesem offiziellen Gespräch. Ist Dir das recht?

Natürlich!

Karin, Du bist gebürtige Nürnbergerin und bist hier auch zur Schule gegangen. Aufgewachsen bist Du in Nürnberg, Fürth und Österreich. Dein weiterer Werdegang ist faszinierend.

Abitur am Dürer Gymnasium, Kaufmännische Ausbildung bei den Nürnberger Nachrichten und danach Studium in Marburg, Wien und München. Was waren Deine Studienfächer?

Mein Vater war Unternehmer und hat Wert daraufgelegt, dass seine Kinder – mein Bruder und ich – nach der Schule erst mal eine klassische Lehre absolvieren. Anschließend durften wir machen, was wir wollten. Ich habe Fächer studiert, die mir bis heute Spaß machen: Ethnologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Medienwissenschaften.

Warum diese Fächer?

Mich interessieren Menschen und Kulturen. Wir leben in kulturellen Referenzsystemen, die uns oft gar nicht bewusst sind. Ethnologie studieren bedeutet, wir betrachten das, was Menschen auf der ganzen Welt verbindet und auch das, was uns voneinander unterscheidet.

Danach warst Du zum Beispiel beim Bayerischen Rundfunk, beim Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen, und bei diversen Universitäten tätig. Du warst im Münchner Stadtmuseum und im Schokoladen-museum Köln beschäftigt. Gib uns einen Tipp wie hält man die Figur, wenn man den ganzen Tag nur Schokolade sieht?

Oh, das war schwer! Im Schokoladenmuseum gibt es einen Schokoladenbrunnen, in dem ständig frische, duftende Schokolade fließt. Wir Mitarbeitenden durften kostenlos naschen. Ich habe damals einfach auf alles andere verzichtet und nur noch Schokolade gegessen. Dann ging’s einigermaßen mit der Figur.

Ab 2006 bis 2014 warst du stellvertretende Leiterin des Rundfunkmuseums in Fürth und seit 2014 Leiterin des Spielzeugmuseum Nürnberg. Von Dir stammt das Zitat „EIN MUSEUM MUSS GESCHICHTEN ERZÄHLEN KÖNNEN.“ Bitte erläutere uns diesen Satz.


Der Satz ist alt und hochaktuell zugleich. Heute spricht man vom Story Telling im Museum. Dahinter steht, dass Objekte allein in Museen nur wenig aussagen. Wenn wir zum Beispiel im Spielzeugmuseum den Teddybären „Bärbär“ sehen, dann wird der Bär erst durch seine Geschichte spannend: Bärbär ist im Jahr 1920 von seinem Kind beim Aussteigen im Zug vergessen worden. Die Tante des Kindes kletterte schnell zurück in den Zug, um Bärbär herauszuholen und konnte in letzter Sekunde aus dem bereits anfahrenden Zug herausspringen. Durch diese Geschichte wird klar: Bärbär ist mehr als ein Spielzeug. Er ist ein Familienmitglied. Hier wird Materie zu Geist. Die Toy-Story-Filme haben diesen Gedanken auf geniale Weise aufgegriffen. Spielsachen sind mehr als Waren, mehr als Objekte. Spielsachen haben eine Seele.

Das Spielzeugmuseum Nürnberg, hat eine der bedeutendsten Spielzeugsammlungen, die ich kenne. Was bedeutet das Spielzeugmuseum für die Stadt Nürnberg?

Nürnberg ist die Spielzeugstadt! In keiner Stadt der Welt wird seit so langer Zeit Spielzeug hergestellt und damit gehandelt, wie in Nürnberg. Die Internationale Spielwarenmesse findet in Nürnberg statt. Das ist die größte Leitmesse für die Branche weltweit.

Und was für Dich persönlich?

Seit 2014 leite ich das Spielzeugmuseum. Es ist ein Museum, das mir ans Herz gewachsen ist und das wir in den kommenden Jahren zu „Nürnbergs emotionalem Weltmuseum“ umbauen wollen.

Gibt es in Deiner Kindheit ein besonderes Erlebnis, dass Du mit dem Spielzeug-museum in Verbindung bringst?

Ja, viele! Über die erste Leiterin, Dr. Lydia Bayer, wurde in meiner Familie immer mit Hochachtung gesprochen. Wir waren oft im Spielzeugmuseum. Ich stand am liebsten vor den Kaufläden und Puppenstuben, während meine Eltern sich das ganze Museum angesehen haben.

Nürnberg bewirbt sich für das Jahr 2025 um die Kulturhauptstadt. Wie wappnet sich das Spielzeugmuseum für die Kulturhauptstadt?

Das Spielzeugmuseum zeigt als „Nürnbergs emotionales Weltmuseum“ künftig, was alle Menschen weltweit miteinander verbindet – von der Geburt bis zum Tod. Der spielende Mensch wird im Mittelpunkt stehen. Spielzeug ist universell verständlich und völkerverbindend. Konkret wird die Geschichte des Homo Ludens, also des „spielenden Menschen“, entlang einzelner Geschichten und Objekte erzählt: als Geschichte der Gefühle, der transkulturellen Diversität, der spielerischen Wissensvermittlung und der Geschichte ihrer sozialen und räumlichen Kontexte.

Leider werden in Büchern und Spielzeugen meistens Kinder und Familien gezeigt, die aus Vater, Mutter und ein bis zwei Kindern bestehen. Sie sind meistens weiß und spiegeln unsere äußerlichen gesellschaftlichen Normvorstellungen wider.

Allerdings repräsentiert das nicht die Realitäten aller Familien. Kinder sind nicht nur weiß, sie haben zwei Mütter, zwei Väter oder auch mehr oder weniger als zwei Eltern. Manche Kinder benutzen als Fortbewegungsmittel einen Rollstuhl, andere Kinder tragen Kleidung, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion sichtbar macht. Nur um ein paar Beispiele für Vielfalt zu nennen.

Wie spiegelt sich das Queere Leben im Spielzeugmuseum ab?

Wir sind mitten drin in diesen Themen. Dazu kam es, als sich vor etwa drei Jahren eine Schwarze Amerikanerin bei mir beschwert hat, denn im Spielzeugmuseum stand zwischen den circa 3500 Spielsachen unkommentiert ein Blechspielzeug mit dem Namen „Alabama Coon Jigger“. Das ist eine Schwarze, männliche Figur aus Blech, die tanzt, wenn man einen kleinen Federmotor bedient. Ich konnte die Figur zu diesem Zeitpunkt noch nicht dechiffrieren, habe mich aber darangesetzt und recherchiert. Das Spielzeug ist eindeutig rassistisch. Der Begriff „Coon“ ist in Deutschland fast unbekannt, aber in den USA ein Schimpfwort. Die Beschwerde dieser Amerikanerin war der Auftakt für mehrere diversitätssensible Begehungen und Untersuchungen im gesamten Spielzeugmuseum. Beteiligt waren Menschen mit Rassismus-Erfahrung, Queere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit Behinderungen. Nach dieser Erkenntnis, wie viele Stereotypen im Spielzeugmuseum bedient werden, ohne dass wir historische Zusammenhänge erklären, haben wir unser Diversitätsprojekt ins Leben gerufen. Es ist ein Projekt, mit dem Ziel, das Spielzeugmuseum in allen neuen Ausstellungen diversitätssensibel, anti-rassistisch, nachhaltig und inklusiv zu gestalten – ganz schön schwierig, wenn es gleichzeitig um „Geschichte“ geht. Das Projekt heißt deshalb auch „Eine Ecke weiter denken…“. Ein wichtiger Meilenstein war, dass das ganze Team des Spielzeugmuseums Anfang 2020 gemeinsam ein Anti-Rassismus-Seminar mit dem Experten Jürgen Schlicher gemacht hat. Mir war wichtig, dass wir uns des „Rassismus in uns“ bewusstwerden und nicht die irrige Meinung vertreten, Themen wie Diversitätssensibilität, Queeres Leben, Rassismus und Inklusion „könnten“ wir schön. Wir „können“ diese Themen eben nicht, insbesondere nicht als weiße Deutsche der Mehrheitsgesellschaft. Dahinter stehen lebenslange Prozesse. Aber unser Ziel ist klar definiert: Diese Themen gehen uns enorm viel an, denn Museen sind Institutionen, die kulturelle Referenzsysteme maßgeblich definieren. Museen werden in hohem Maße als vertrauenswürdige Informationsquellen eingeschätzt. Dieser Verantwortung müssen wir in einer sich wandelnden Gesellschaft gerecht werden. Wir bitten daher alle Freundinnen und Freunde des Spielzeugmuseums und Menschen, die Profis für Diversitätssensibilität sind, um konstruktive Impulse und Unterstützung.

2019 hatte das Spielzeugmuseum Nürnberg eine Sonderausstellung mit dem Titel: Nürnberg hat das Zeug zum Spielen! Eine verspielte und bespielbare Ausstellung. Ich als Elisabeth war Teil der Ausstellung mit dem Begriff ICH SPIELE MIT ILLUSIONEN. Wie kam ein Travestiekünstler in dieser Ausstellung an oder nahmen die Leute davon kaum Notiz?

Die Leute nahmen Notiz! Gerade du als Travestiekünstler hast einen besonderen Aha-Effekt erzielt, denn wir spielen ja nicht nur mit Spielzeug, wir spielen nicht nur Brett- oder Computerspiele, sondern wir spielen im Sport, wir spielen Theater, wir spielen mit Worten und Gedanken, wir spielen mit Formen und Farben, wir spielen mit der Liebe und um unser Leben. Und als Travestiekünstler spielst du mit Magie – so nehme ich dich wahr. Die Menschen im Museum waren positiv überrascht, weil sie diesen Aspekt nicht erwartet hatten. Überraschung öffnet die Seele – wer sich überraschen lässt, lernt!


Du warst auch schon zu Gast bei einer meiner Travestieshow in Pfaffenhofen. Wie gefällt Dir die Rolle der „Elisabeth“ in meinen Shows?

Wunderbar! Ich schaue mir immer wieder die Fotos von der Show an. Du bist so magisch und so bezaubernd!

Im Vorstand des Förderverein Spielzeugmuseum Nürnberg e.V. ist seit 2016 ein Homosexuelles Ehepaar tätig. Es wurde in der Mitgliederversammlung bereits zum zweiten Mal gewählt. Hast Du hier vielleicht von negativen oder positiven Stimmen gehört? Wie kommen die zwei Jungs bei den Mitgliedern an?

Das Spielzeugmuseum – und ich darf das als Leiterin so sagen – erschien mir bei meinem Tätigkeitsbeginn im Jahr 2014 als ein eher konservativ ausgerichtetes Haus. Das Museum ist bis heute in weiten Bereichen klassisch eingerichtet: Vitrine, Objekt, Beschriftung. Im Förderverein des Museums ein homosexuelles Ehepaar als Vorstände zu haben, war damals alles andere als selbstverständlich, aber gerade deshalb so wichtig! Wenn wir unsere Gesellschaft positiv weiterentwickeln wollen, dann müssen wir das an den Stellen tun, die sich mit Wandel schwerer tun als andere. Heute ist das homosexuelle Ehepaar im Vorstand eine Selbstverständlichkeit – das macht mich glücklich.

Im Förderverein kann jeder der möchte Mitglied werden. Auch Elisabeth ist hier Mitglied.

Einfach den Mitgliedsantrag ausfüllen und für eine Einzelmitgliedschaft 30,00 Euro oder eine Partnermitgliedschaft 40,00 Euro Jahresbeitrag zahlen und dann unterstützt man das Spielzeugmuseum. Warum ist es so wichtig für das Spielzeugmuseum, dass es einen Förderverein gibt?

Der Förderverein ist die Verankerung des Spielzeugmuseums in der Stadtgesellschaft. Mitglied werden heißt auch: Impulse setzen, ehrenamtlich tätig sein können und nicht zuletzt finanziell unterstützen. Der Jahresbeitrag ist wirklich nicht besonders hoch, denn 40,- Euro gibt man heute für ein- bis zweimal Essengehen aus. Je mehr Menschen Mitglieder im Spielzeugmuseum werden, desto besser steht dieses wundervolle, kommunal finanzierte Weltmuseum da.

2020 wurde in Pfaffenhofen das Netzwerk Queer-Pfaffenhofen gegründet. Hast Du Zeit gefunden Dir die Homepage anzusehen?

Ja, die Homepage habe ich mir angesehen – sie ist toll, sehr ambitioniert!

Wie findest Du sie?

Die Homepage finde ich intellektuell anspruchsvoll! Sie ist in Teilen sogar zweisprachig – Ihr habt enorm viel auf die Beine gestellt, gerade in der Zeit, in der zahlreiche Medien nur noch auf Bilder zu setzen scheinen. Der Diskurs ist sooooo wichtig und wir verändern die Welt nur zum Besseren, wenn wir Stellung beziehen und Haltung zeigen. Das passiert auf „Queer Pfaffenhofen“!

Die LGBT Community und ihre Familien haben es auf der Welt nicht immer leicht. Sie werden beschimpft, geschlagen und ausgegrenzt. Ja in Deutschland haben wir schon viel erreicht aber trotzdem noch lange nicht am Ziel der Normalität angekommen. Es gibt andere Länder, die sind schon viel weiter als wir. In Nürnberg wird der Christopher Street Day seit 1998 in Folge veranstaltet. 1982 war der erste süddeutsche Schwulentag. Dieser fand in Nürnberg statt. Damit die erste Demo, die man so als CSD Vorläufer bezeichnen könnte.

Leider hat unser gemeinsamer CSD Termin vor zwei Jahren nicht geklappt. Was sehr schade war, vielleicht sollten wir im neuen Jahr es noch mal anpeilen. Hast Du Dir die Politparade schon mal angesehen und oder bist Du auch schon mal mitgelaufen?

Ich war zweimal als Zuschauerin dabei, das Erlebnis war großartig!

Zieht das Spielzeugmuseum zum CSD auch eine Regenbogenfahne auf? Oder zeigt das Museum überhaupt keine Fahnen?

Super Vorschlag! Das könnten wir dieses Jahr erstmals zeitlich gerade noch hinbekommen, denn ein Fahnenmast steht vor dem Spielzeugmuseum.

Was ist Deine Meinung zum CSD?

Ich war mit zwölf Jahren zum ersten Mal in den USA. Es war Sommer und der Christopher Street Day war gerade erst in San Franzisco gefeiert worden. Ich habe den Umzug nicht miterlebt, aber die Berichterstattung danach. Damals habe ich zum ersten Mal wahrgenommen, dass unsere Welt nicht bei „männlich & weiblich“ aufhört. Insofern ist der CSD für mich horizonterweiternd gewesen und erfreulicherweise war ich fast noch Kind. Wenn man Kindern etwas beibringt, ist das für den Rest des Lebens selbstverständlich. Es ist Verantwortung und Potential zugleich.


Liebe Karin, ich bedanke mich für dieses interessante Gespräch. Auch wenn es in dieser verrückten Corona Zeit nur virtuell stattgefunden hat. Es macht mir immer Freunde mit Dir zu plaudern. Für mich war es sehr informativ und interessant. Ich hoffe das Lesen dieses Interview macht unseren Freunden aus dem Queer-Pfaffenhofen Netzwerk genau so viel Spaß wie es mir gemacht hat, es auf zu schreiben. Ich hoffe wir sehen uns in naher Zukunft alle bald gesund und munter wieder.

Karin Du hast jetzt das letzte Wort (was mir persönlich immer schwerfällt, denn normalerweise habe ich immer das letzte Wort)

Liebe Elisabeth, du bist bezaubernd! Vielen Dank für die spannenden Fragen! Ich werde ja immer wieder interviewt und erzähle meistens vom Spielzeugmuseum, aber das Gespräch mit dir hat mich selbst weitergebracht. Ich bin glücklich und dankbar, dass wir uns kennen! Viel Erfolg bei allen Aktionen und melde dich beziehungsweise meldet euch, wenn ich unterstützend mitwirken kann!

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